„Und dennoch lebe ich“

Liebe Rrom_nja,liebe Freund_innen,

das Rroma-Info-Centrum & die IniRromnja laden herzlich ein zur Lesung: „Und dennoch lebe ich“ mit Nuna Stojka! Die Veranstaltung findet im Rroma-Info-Centrum statt.

Am 25.10. 2012 um 18.00 Uhr

Presseerklärung

anlässlich der Einweihung des Denkmal-Mahnmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Rroma Europas

Am 26. Oktober organisiert das Rroma-Informations-Centrum e.V. zusammen mit der IniRromnja, anlässlich der am 25. Oktober stattfindenden Einweihung des Denkmal-Mahnmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Rroma Europas eine Ausstellung von Bildern der Künstlerin Ceija Stojkas sowie eine Lesung aus ihren Büchern. Die Frauen der IniRromnja und Nuna Stojka lesen abwechselnd mit der Stimme der Rromni und Sintezza aus den Erinnerungen Ceija Stojkas und symbolisieren anlässlich der Mahnmaleinweihung die Einigkeit von Rromnja und Sintezzas. Als Rroma-Selbstorganisationen wollen wir einen eigenen Beitrag zu diesem Ereignis leisten – es würdigen und gleichzeitig in seinen Kontext stellen.

67 Jahre nach Beendigung des zweiten Weltkrieges wird am 24.10.2012 das Denkmal-Mahnmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Rroma Europas in der bundesdeutschen Hauptstadt Berlin der Öffentlichkeit übergeben. Nach einem jahrzehntelangen Kampf der Sinti-und-Rroma-Bürgerrechtsbewegungen bekennt sich die Bundesrepublik Deutschland nun endlich zu ihrer historischen Verantwortung. Nur wenige unserer Überlebenden des Porajmos – des versuchten Genozids an Sinti und Roma – können an diesem Staatsakt teilnehmen. Nicht zuletzt aufgrund der gesundheitlichen Folgen der menschenvernichtenden Gräueltaten der Nationalsozialisten und ihrer Verbündeten. Diese Verspätung steht symptomatisch für eine noch kaum erfolgte Aufarbeitung des Genozids an Sinti und Rroma in der Zeit des Nationalsozialismus – in Deutschland und europaweit. Die Geschichte der Morde, der Folter und der menschenunwürdigen Behandlung von Sinti und Rroma durch die Nationalsozialisten, ihre Helfer_innen und europaweit Verbündeten ist noch lange nicht im kollektiven Gedächtnis der deutschen und europäischen Öffentlichkeit angekommen. Vielmehr noch wurde sie von Wissenschaft, politisch Verantwortlichen und der Zivilgesellschaft jahrzehntelang geleugnet und sogar eine Schuldumkehr vollzogen, indem den Opfern selbst die Verantwortung für ihre Verfolgung und Ermordung zugeschrieben wurde. Auf diese Weise wurden u.a. die finanziellen Entschädigungen verweigert oder fielen lächerlich gering aus. Für Sinti und Rroma war dies eine zweite Traumatisierung – diesmal in Verantwortung der Bundesregierung. Die Folgen dieser unermesslichen Leiden erfahren wir tagtäglich in unseren Familien, sie tragen sich fort von Generation zu Generation und werden immer wieder aktuell, wenn wir die politischen Entwicklungen in Europa betrachten. Wir begrüßen es sehr und unterstützen die Rroma-und-Sinti-Selbstorganisationen und Aktivist_innen, die in allen europäischen Ländern, oftmals in Gefährdung ihrer Gesundheit und gar ihres Lebens, aktiv sind. Doch immer wieder müssen wir feststellen, dass diese sehr selten gleichberechtigte Kooperationspartner_innen für gesellschaftliche Entscheidungsträger_innen sind. Vielmehr werden, und das ist ebenso an der „Berliner Strategie zur Einbeziehung von ausländischen Roma“ des Berliner Senats, nachzuvollziehen, Rroma nach wie vor als eine Klientel von Fürsorge konstruiert. Auch auf der Ebene europäischer und nationaler Gesetze und Abkommen wird in Bezug auf Rroma nichts eingehalten, sondern gewissenlos ignoriert und verletzt. Geflüchtete Rroma werden kriminalisiert und brutal abgeschoben. Rroma-(Armuts-)Siedlungen sind schutzlos Pogromen der ansässigen Bevölkerung ausgesetzt oder werden von der Polizei rücksichtslos „aufgelöst“. Viele Rroma haben keinen Zugang zum Arbeitsmarkt, zu regulärer Gesundheitsversorgung und Bildung. So werden beispielsweise überdurchschnittlich viele Rroma und Sinti ohne die entsprechende Indikation und trotz Widerstand auf Seiten der Eltern auf Sonderschulen verwiesen oder haben keinen Zugang zu höherer Schulbildung. Sinti und Rroma sind in allen europäischen Staaten allen Formen von Antiziganismus ausgesetzt. Zur Erinnerung: In Ungarn wurden Häuser angezündet und die daraus Flüchtenden, ob Mann, Frau oder Kind kaltblütig erschossen. Das ist Europa – nunmehr ausgestattet mit einem Friedensnobelpreis?!

Diese europaweite Situation ist unerträglich und muss bekämpft werden. Als Nachkommen der Überlebenden des Porajmos, sehen wir, die Mitglieder des Rroma–Informations–Centrums e.V. und der IniRromnja, Deutschland in einer besonderen Verantwortung und fordern hiermit die Bundesregierung auf:

  • sich nachhaltig und konsequent gegen die Menschenrechtsverletzungen an der seit über 600 Jahre in Europa befindlichen und nunmehr größten Minderheit der Rroma und Sinti einzusetzen und nicht die Augen vor den eklatanten Menschenrechtsverletzungen in den europäischen Nachbarländern Ungarn, Bulgarien, Rumänien, Serbien, Kroatien, Tschechien, usw. zu verschließen!
  • Deutschland als Vorreiterin in der Bekämpfung von Antiziganismus jeglicher Form europaweit zu etablieren und damit europaweit Maßstäbe zu setzen!
  • sich dafür stark zu machen, Abschiebungen von Rroma europaweit zu beenden!

Das Rroma-Informations-Centrum e.V. wurde im August 2011 gegründet und ist eine Rroma-Selbstorganisation. Es bietet eine Plattform für Rroma-Aktivist_innen, um Stimmen hörbar zu machen und die Vielfalt der Rroma-Perspektiven zu Themen wie Bildung, Politik und Kunst aufzuzeigen und zur gesamtgesellschaftlichen Reflektion beizutragen. Dabei sind Qualität und Solidarität grundlegende Werte unseres Aktionsverständnisses.

Wir, die IniRromnja, sind ein Zusammenschluss von Berliner Rroma-und-Sinti-Frauen, die nicht länger hinnehmen wollen, dass die Ablehnung von Rroma und Sinti, Feindseligkeiten und Gewalt gegen Rroma und Sinti verschwiegen, bagatellisiert oder gar gerechtfertigt werden. Kritisch beobachten wir die Rroma-bezogenen politischen Entwicklungen und setzen uns autonom für die Benennung und Bekämpfung von Antiziganismus jeglicher Form ein.

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